Die Akkulturationserfahrungen der Kinder von 'Korean migrant workers' in Deutschland und 'foreign migrant workers' in Korea - Eine qualitative Untersuchung

 Das Phänomen der Arbeitsmigration bildet einen wesentlichen Bestandteil moderner Gesell­schaften. ‚Migrant workers’ bzw. ‚Gastarbeiter’ wechseln von ‚weniger’ entwickelten zu ‚wei­ter/höher’ entwickelten Gesellschaften und nehmen dort in der Regel jene ‚3D jobs’ (dirty, di­f­ficult, dangerous) an, die auf dem Binnenmarkt nicht (mehr) besetzt werden können. Diese Entwicklung führte in der Bundesrepublik Deutschland u.a. dazu, dass in den 1960er und 70er Jahren ca. 20.000 Arbeitskräfte (Bergmänner und Krankenschwestern) aus Korea in das Land geholt wurden. Viele dieser ‚Gastarbeiter’ blieben, so dass mittlerweile deren Kinder und Enkel in Deutschland leben. Handelt es sich bei dieser Gruppe tatsächlich um ‚Die MusterschülerIn­nen der Integration’, wie es in einer Kongressankündigung vom April 2008 heißt? Und falls ja, a) was bedeutet dies und b) worauf lässt sich diese Entwicklung zurück führen?

Auch in Korea, in dem diese Entwicklung etwa 20 Jahre später einsetzte, leben heutzutage die Kinder von ‚migrant workers’. Wie ist es um deren Ein- bzw. Anpassung bestellt, und welche Formen des Zusammenlebens haben sich hier etabliert? Diese Fragen werden auch vor dem Hintergrund formuliert, dass sowohl Deutschland als auch Korea sehr zögerlich auf den Zu­strom von Arbeitskräften aus dem Ausland reagierten bzw. reagieren.

Die Untersuchung greift auf Experteninterviews sowie narrative Interviews zurück; die Aus­wertung erfolgt nach den Regeln der qualitativen Sozialforschung. Die Ergebnisse aus beiden Ländern sollen mit einander verglichen und auch aus der Perspektive der Sozialen Arbeit reflektiert werden.

Das Ziel der Studie besteht darin zu untersuchen, wie die Kinder von ‚migrant workers’ mit ihrer sozialen und kulturellen Umgebung interagieren und im Laufe dieser Auseinandersetzung ihre Identität ausbilden. Auf der Basis der Respektierung der kulturellen Vielfalt von Migranten soll zugleich nach Möglichkeiten der Unterstützung im Rahmen der social welfare practice in dem Sinne gesucht werden, dass Akzeptanz und Anerkennung ermöglicht und Anpassung sowie Aberkennung vermieden werden.

Folgende Aspekte sind dabei von besonderer Bedeutung:

  1. Die Erfahrungen von und mit ‚Gastarbeitern’ in der Bundesrepublik Deutschland sollen aus kulturvergleichender Perspektive aufgegriffen werden. Dies geschieht unter Berücksichtigung der Ausgangsüberlegung der diesbezüglichen strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Korea und Deutschland: Beide Nationen entwickelten eine Politik der Aufnahme ausländischer Arbeitskräfte zur Unterstützung des nationalen Arbeitsmarktes; und zwar für (3D-)Tätigkeiten, die von der einheimischen Arbeitsbevölkerung nicht angenommen wurden.
  2. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Prozesse der Identitätsbildung bei Emigrantenkindern und der (vermutlich) damit einhergehenden Wertkonflikte. Mit der Ausbildung der Identität ist der Erwerb der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft bzw. der Staatsbürgerschaft verbunden. Wie sich diese Identität im Wechselspiel mit der überwiegend wenn auch nicht nur durch die Eltern vertretenen ‚alten’ Kultur und der durch die raumzeitlichen Verortung wirkmächtigen neuen Kultur bildet, soll unter dem Aspekt der interkulturellen Auseinandersetzung untersucht werden. In diesem Zusammenhang stellen sich Fragen nach den Aufgaben des social welfare services.
  3. Die adoleszenten Erfahrungen und Erlebnisse von Emigrantenkindern sollen mithilfe qualitativer Verfahren erhoben und ausgewertet werden. Dazu werden das narrative Interview Fritz Schützes, die narrationsstrukturelle Auswertungsmethode sowie die objektive Hermeneutik Ulrich Oevermanns eingesetzt; beide Antragsteller sind seit mehreren Jahren Kursdirektoren des Workshops ‚Interpretation und Verstehen’ am Inter-University Center in Dubrovnik.
    Interviewt werden sollen nach dem Prinzip des minimalen und maximalen Kontrasts etwa Kinder von Emigranten im Alter zwischen 14 und 18 Jahren sowohl in Korea als auch in Deutschland. In Deutschland sollen dies Migrantenkinder der dritten Generation sein; in Korea, mit seiner kurzen Emigrationsgeschichte, sind dies überwiegend Kinder der ersten Generation. Folglich liegt der Schwerpunkt der Studie im Bereich der Adoleszenz und nicht auf der Generationenabfolge. Als Regionen für die Erhebungen kommen in Deutschland Nordrhein-Westfalen als industrieller Bereich mit einem ursprünglich hohen Anteil koreanischer ‚Gastarbeiter’ in Betracht, für Korea wurde die Gyeonggi Province ausgewählt, die ebenfalls industriell geprägt ist und einen vergleichsweise hohen Anteil an ‚migrant workers’ aufweist. In beiden Regionen sollen auch Expertengespräche bzw. -interviews durchgeführt werden (mit den Leitern der (i.d.R. kirchlichen) Gemeinden).

Projektlaufzeit:  Juli 2008-lfd.
Gefördert vom DAAD (siehe weiterführende Links in der rechten Spalte)

Projektbeteiligte:
Prof. Dr. Detlef Garz (Allgemeine Pädagogik)
Prof. Dr. Hyo-Seon Lee (Soziologie, Kangnam University, Yongin, Süd-Korea)
 
Arbeitsgruppe:
Dr. Sylke Bartmann, Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz
Dr. Axel Fehlhaber, Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz
Dipl.-Päd. Sandra Kirsch, Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz
Dr. Wiebke Lohfeld, Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz
Mag. Kim, Seokki, Kangnam University
Mag. Park, Hyejin, Kangnam University

Kooperationspartner:
Prof. Kim-Goh, Mikyong, California State University, Fullerton