Prof. Dr. Markus Winkler

Sommersemester 2016

Prof. Dr. Markus Winkler (Université de Genève, Schweiz)

Gastgeber: Prof. Dr. Dieter Lamping (Komparatistik)

Vorträge im Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft

„Genealogisch-begriffsgeschichtliche Überlegungen zur politischen Rhetorik des Barbarischen“
4. Juli 2016, Campus Mainz, Jakob-Welder-Weg 18, Philosophicum, Fakultätssaal

„Der Barbar als Figur der Kulturkritik bei Nietzsche, Walter Benjamin und J.M. Coetzee“
18. Juli 2016, Campus Mainz, Jakob-Welder-Weg 18, Philosophicum, Fakultätssaal

Prof. Dr. Markus Winkler ist seit 1998 Ordinarius für Neuere deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Genf. Dort ist er seit 2001 auch Koordinator und einer der drei Direktoren des Programme de littérature comparée. 2000-2003, 2009–2012 und 2013-2015 war er außerdem Direktor des Genfer Département de langue et littérature allemandes.

Er studierte an den Universitäten Bonn, Paris und Lausanne, promovierte 1983 im Fach Romanistik in Bonn und war danach Oberassistent für Neuere deutsche Literatur an der Universität Genf. Er war von 1990-1992 Visiting Scholar und Gastprofessor an der University of Washington in Seattle und von 1992-1998 Associate, später Full Professor of German an der Pennsylvania State University. Habilitiert hat er sich 1996 an der Universität Fribourg (Schweiz). Gastprofessuren hatte er außer in den USA auch in Deutschland (Berlin: ehem. Akademie der Wissenschaften), Österreich und Frankreich inne.
Von 2002–2014 amtierte er als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (SGAVL) / Association suisse de littérature générale et comparée (ASLGC). Neben zahlreichen Schriften, Aufsätzen, Herausgaben und Monographien ist/war er Mitherausgeber von literaturwissenschaftlich maßgeblichen langfristigen Publikationsprojekten. Zu nennen sind die historisch-kritische Ausgabe der Werke von Benjamin Constant (Œuvres complètes de Benjamin Constant, 1993ff.), das Kritische Lexikon der romanischen Gegenwartsliteraturen (KLRG) (1999-2007), das Periodikum Colloquium Helveticum. Schweizer Hefte für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (2000–2016) und ist seit 2014 Mitherausgeber der im Universitätsverlag Winter (Heidelberg) erscheinenden Reihe „Beiträge zur Literaturtheorie und Wissenspoetik“.

Prof. Winkler ist ein international renommierter Komparatist, der sich mit ungewöhnlicher interdisziplinärer Kompetenz literaturgeschichtlichen und kulturwissenschaftlich-begriffsgeschichtlichen Themen gewidmet hat. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen historisch im Bereich der europäischen Romantik und Moderne einerseits und theoretisch im Bereich der ästhetischen Repräsentation kultureller Konflikte andererseits. Sein Interesse gilt insbesondere der Auseinandersetzung mit dem Fremden in verschiedenen, zumal literarischen und philosophischen Diskursen, der er in Publikationen etwa zu Goethe, Benjamin Constant, Heine, Kafka und Coetzee nachgegangen ist.

Seit 2013 leitet er das internationale, vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Projekt ‘Barbarism’: History of a Fundamental European Concept and Its Literary Manifestations from the 18th Century to the Present, an dem v.a. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz beteiligt sind. Im Zentrum des interdisziplinären Projekts steht die kultur-, literatur- und begriffsgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem traditionsreichen europäischen, auf die griechische Antike zurückgehenden Konzept des Fremden als des „Barbarischen“. In diesem Feindbegriff gebündelt ist eine von dem Wort barbarisch nicht ablösbare negative, durchweg herabsetzende, von vielerlei Ressentiments und Ängsten begleitete, immer aggressive Sicht auf das kulturell oder ethnisch Andere. Die Schlagkraft des Begriffs erweist sich darin, dass er abendländisch-westliches Selbstverständnis mitbegründet hat und noch immer zu dessen tendenziell globaler Durchsetzung verwendet wird. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat der Feindbegriff des Barbaren oder des Barbarischen in der politischen Rhetorik des Westens sogar erheblich an Bedeutung gewonnen. Vor diesem Hintergrund verfolgt das Projekt interdisziplinär auf der Basis vor allem der deutschen, französischen und englischsprachigen Literatur, Philosophie und Kulturtheorie die verschiedenen historiographischen, rhetorischen und ästhetischen Traditionslinien des Begriffs. Das „Barbarism“-Projekt stellt den ersten Versuch einer historisch ausgreifenden und theoretisch fundierten Untersuchung zu einem wichtigen Komplex der Verbalisierung und Verwirklichung von Fremdenfeindlichkeit in westlichen gebildeten Eliten dar.
Das Projekt, dessen erste Förderung 2016 ausläuft, soll auf breiterer Grundlage mit neuen Schwerpunkten fortgesetzt werden. Geplant ist in diesem Zusammenhang eine Kooperation mit der Mainzer Komparatistik, ggf. auch mit weiteren Fächern der Johannes Gutenberg-Universität, die Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen einschließen soll.
Im Juni 2016 findet in diesem Kontext die Mainzer Tagung „Fremde Ähnlichkeiten. Die 'Große Wanderung' als Herausforderung der Komparatistik“ statt, an der er mit eigenen Promovenden teilnehmen wird.