Temporality in Theme Parks

"Here You Leave Today": Time and Temporality in Theme Parks

Im Projekt soll herausgefunden werden, wie Themenparks Zeit und Zeitlichkeit zur Vermittlung verschiedener historischer und zeitgenössischer Kulturen an einem Ort einsetzen und wie so Zeit und Zeitlichkeit zur inhärenten Interkulturalität von Themenparks und zu ihrer Rolle als kulturvermittelnde populärkulturelle Institutionen eingesetzt werden.

Projektskizze
Ziel des Projekts ist somit kurz formuliert: die Untersuchung von Zeit und Zeitlichkeit und deren besondere Rolle bei der Kultur- und Identitätsvermittlung in Themenparks. Zwar handelt es sich bei Themenparks primär um Unternehmen mit ökonomischen Zielen und nur sekundär um kulturvermittelnde Institutionen, doch sind beide Rollen eng miteinander verknüpft: Um BesucherInnen anzulocken und sie zu unterhalten, müssen Themenparks eigene und fremde Kulturen möglichst authentisch und effektiv darstellen (vgl. Lukas 2013, 101-32). Themenparks fungieren somit notwendigerweise als Kulturvermittler (vgl. Lukas 2008, 167).
Für die Darstellung fremder Kulturen greifen Themenparks wie auch andere thematisierte Umgebungen wie etwa Kasinos, Hotels und Restaurants auf vier Strategien zurück:
1. Selektion des Themas bzw. der darzustellenden Kultur und innerhalb dieser Auswahl der darzustellenden Elemente. Diese sind im Normalfall (auch durch andere Formen der Rezeption) bereits bekannt und daher einfach rezipierbar. Häufig werden auch Kulturen und Themen ausgewählt, die implizite oder explizite Anknüpfungspunkte zu gegenwärtigen Identitätsfragen bieten und eine besondere Rolle im kulturellen Gedächtnis der jeweiligen Zielgruppe des Parks spielen. Außer in Fällen von sog. Dark theming (vgl. Lukas 2007) werden innerhalb eines Themenbereichs politisch und sozial sensitive Themen (z.B. Sklaverei, wirtschaftliche Probleme und aktuelle politische Entwicklungen) wiederum mit Blick auf das Zielpublikum ausgeblendet. Der Themenpark greift so vorhandene kulturelle Stereotypen auf und perpetuiert diese weiter.
2. Abstraktion: Der Themenpark übersetzt diese Stereotypen in multimediale thematische Essenzen, die in ihrer Typenhaftigkeit möglichst viele Menschen unmittelbar ansprechen. In der Themenparkarchitektur werden z.B. durch das Aufgreifen bzw. die Amalgamierung historischer Originale visuelle kleinste gemeinsame Nenner bzw. echte architektonische “Piktogramme” geschaffen, die evokativer sind als eine einfache Kopie bekannter Gebäude.
3. Immersion: Fremde wie eigene Kulturen werden nicht dadurch vermittelt, dass diese in einer fragmentarischen Form dargeboten werden (wie etwa im Museum), sondern dass alle Sinne gleichzeitig angesprochen werden und Besucher damit z.B. durch Musik, Architektur, Gerüche, Geschmäcker immergiert werden. Die Immersion bezieht somit auf den gesamten Körper des Besuchers (Bukatman 1991): Immersionsräume “sind Räume, in denen sich die Wirklichkeit der Welt und die Wirklichkeit des Bildes in der unmittelbaren Wirklichkeit des Körpers konsolidieren” (Bieger 2007: 9).
4. Multi- und Transmedialität: Zur Immersion der BesucherInnen setzt der Themenpark andere immersive Medien ein, wie z.B. Theater, Film etc. Auch weniger immersive Medien wie etwa Skulptur und Malerei werden im Kontext des Themenparks durch die Verflechtung unterschiedlicher Medien zu Teilen der immersiven Umwelt. Diese Prozesse selektiver und appropriativer Aneignung von Modellen und Bildern sind mit dem Begriff des Transfers bzw. der Translation zu fassen, um die Wahl der Materialien und ihrer Transformationen verstehen zu können (Bieger 2007: 52-53).
Kulturvermittlung in Themenparks erfolgt somit hochgradig selektiv, stereotypisiert, multimedial und häufig dadurch, dass bereits existierende mediale Rezeptionen einer Kultur in das Medium des Themenparks übersetzt werden. Hierbei spielen Aspekte von Zeit und Zeitlichkeit eine zentrale Rolle, insbesondere bei der Strategie der Selektion. Es ist davon auszugehen, dass eigene und fremde Kulturen in Themenparks mit einem festen Bezug auf eine bestimmte Zeitepoche (meist ein Punkt in der Vergangenheit) dargestellt werden. Kulturvermittlung und Zeitdarstellung sind daher im Themenpark eng verknüpft, wohingegen interkulturelle Kontakte und transkulturelle Dynamiken beinahe völlig ausgeblendet werden. In Verbindung mit weiteren Aspekten von Zeit und Zeitlichkeit entsteht so im Themenpark eine aesthetische Eigenzeit: Zu der Diskrepanz zwischen der Zeit des Erlebens (die Gegenwart des Themenparkbesuchs) und der erlebten Zeit (der für die Darstellung einer Kultur ausgewählten Zeitepoche) treten weitere Gleichzeitigkeiten von Ungleichzeitigkeiten, zu denen u.a. die Gleichzeitigkeit der verschiedenen dargestellten Zeitebenen, simultane Be- und Entschleunigungen (etwa in Fahrattraktionen und/oder in Warteschlangen) sowie den dargestellten Zeitebenen enthobene, selbstreferentielle Verweise auf die Geschichte des Themenparks zählen.

Projektbeginn
2012

ZIS Gastprofessur
Im Sommersemester 2013 luden die Projektleiter den Theming-Spezialisten Scott A. Lukas (Lake Tahoe Community College) als ZIS-Gastprofessoren ein, um u.a. Aspekte im Projekt zu diskutieren und zu vertiefen.

Projektleiter
Jun.-Prof. Dr. Filippo Carlà, Dr. Florian Freitag