Adoleszenz in interkultureller Konfliktlage - Israel als prekärer Sozialisationsraum

Israel, das sich bis zum heutigen Tag in einer sich eher noch zuspitzenden, komplexen Konfliktsituation befindet, stellt als prekärer Sozialisationsraum sowohl für die aktualitätsbezogene als auch für die grundlagentheoretische sozial- und erziehungswissenschaftliche Adoleszenzforschung einen interessanten Untersuchungsgegenstand dar. Eine interkulturelle, temporär sogar lebensbedrohliche Konfliktlage als biographischer Erfahrungsraum bedeutet für die (verlängerte) Adoleszenz und ihre Potentiale gesteigerter Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswelt eine besondere Herausforderung.

Ab dem 21. Lebensjahr können Jugendliche sich potentiell aufgrund der Entwicklung der  kognitiven und moralischen Kompetenz reflexiv zunehmend aus ihren sozialen Einbettungsverhältnissen lösen (Kohlberg 2006, Garz 2006). Dieses kritische Reflexionspotential gerät mit der immer wieder bedrohlichen interkulturellen Konfliktlage zumindest in Spannung, insofern diese Loyalität einfordert und damit einhergehend eine moralische Kontraktion befördert, die die Gruppenidentifikation zum letzten kontrollierenden Prinzip des Urteils macht. Aufgrund dieser unvermeidbaren moralischen Spannungslage vermuten wir, dass sich bei Adoleszenten in Israel sowohl besonders elaborierte, den komplexen Loyalitätskonflikt bewältigende Lösungen als auch, entwicklungstheoretisch betrachtet, rückständige, moralisch kontrahierte Formen der Bewältigung feststellen lassen.

Wie sich Adoleszente vor dem Hintergrund dieser moraltheoretisch interessanten Konfliktsituation mit ihrer Lebenswelt auseinandersetzen und inwieweit insbesondere die moralische Kompetenzentwicklung durch den sich zuspitzenden interkulturellen Konflikt beeinflusst wird, ist also der Gegenstand dieses rekonstruktiv verfahrenden, sozialisations-, entwicklungs- und interkulturalitätstheoretisch ausgerichteten Projektes.

Im Dezember 2011 und Januar 2012 wurden in Israel Interviews mit arabischen und jüdischen Adoleszenten, deren Familien und ihrer peer group geführt. Die Interviews mit den Adoleszenten im Alter von 21-27 Jahren, deren Eltern und Freunden dienten der Erkundung der Sozialisationskontexte, in denen jene aufgewachsen sind und sich entwickelt haben. Diese werden  u.a. im Dezember 2012 mit den Gastprofessoren Oevermann und Schütze als auch im Januar 2013 mit dem israelischen Historiker Shlomo Sand diskutiert werden. Eine Ausweitung der der Untersuchung zugrundeliegenden Interviews durch einen weiteren Forschungsaufenthalt ist in Planung.

Laufzeit: 2011-lfd.
Förderung: Forschungsaufenthalt 1011/12: ZIS; Gastaufenthalte Proff. Oevermann, Schütze, Sand: ZIS; ab 10/2012 zusätzliche Förderung über Förderlinie 1
Projektleiter:
Dr. Boris Zizek (Erziehungswissenschaft)
Wissenschaftliche Beratung:
Prof. (em.) Dr. Ulrich Oevermann
Prof. (em.) Dr. Fritz Schütze
Prof. Dr. Shlomo Sand
Mitarbeiter:
Benjamin Worch M.A.
Marie Fromme B.A.