Afrikafestivals

Festivalisierung und Interkulturalität – Musikfestivals in Afrika und Deutschland

Die stetig zunehmende Festivalisierung von Kultur ist ein globales Phänomen. Im Rahmen von Festivals werden oft kulturelle Traditionen einer Nation, Region, Stadt oder Ethnie präsentiert und lokalisiert. Zugleich wenden sich diese Veranstaltungen an ein internationales Publikum und stehen durch die mediale Aufbereitung und Vernetzung in einem globalen Kontext. In diesem Sinne repräsentieren Kulturfestivals Handlungs- und Diskursräume, in denen die beteiligten Akteure unterschiedliche Interessen und Ziele verfolgen: Festivals können ein Mittel der Selbstrepräsentation von marginalisierten Gruppen (etwa Migranten in Deutschland oder ethnische Minoritäten in afrikanischen Ländern) sein, die Herausbildung nationaler Identitäten fördern und verschiedenen Individuen und Gruppen als religiöse, politische und wirtschaftliche Ressource dienen. Die Dialektik zwischen global und lokal wird besonders deutlich in Fällen, in denen sich Akteure auf universelle Gültigkeit beanspruchende Konzepte wie „immaterielles Weltkulturerbe“, „indigene kulturelle Rechte“ oder „Weltmusik“ beziehen, um ihre nationalen oder lokalen Interessen durchzusetzen.

Forschungsgegenstand

Das geplante Forschungsvorhaben widmet sich Musikfestivals in verschiedenen Ländern Afrikas und in Deutschland. Im Fokus steht die Repräsentation ethnischer, lokaler, nationaler und kontinentaler bzw. pan-afrikanischer Identität(en) auf diesen Festivals. Konkret werden derzeit laufende Afrikafestivals im deutschsprachigen Raum von studentischen Forschungsassistenten untersucht. Nach Auswertung dieser Forschung sollen Festivals zunächst in Mali, dann in anderen afrikanischen Ländern beforscht werden.

In Deutschland wächst die Zahl afrikabezogener Musikfestivals kontinuierlich. Am Anfang dieser Festivals stehen offenbar meist kleine, lokale Gruppen und Vereine, etwa solche mit entwicklungspolitischer Zielsetzung oder solche, die die Interessen bestimmter Migrantengruppen vertreten. Der Anspruch vieler Organisatoren war und ist es (wie Websites und anderes Informationsmaterial dokumentieren) den Besuchern dieser Festivals ein differenziertes Bild von Afrika zu vermitteln und interkulturelle Begegnungen zu ermöglichen. Es ist inzwischen aber eine Professionalisierung dieser Festivals zu konstatieren, wobei Veranstaltungsfirmen die Organisation der Festivals übernehmen.

In vielen Ländern Afrikas sind in den letzten Jahren zahlreiche Musikfestivals entstanden. Neben staatlich organisierten Festivals, die in den letzten Jahrzehnten durch die Einbindung lokaler Stile der nationalen Integration dienten, gewinnen in jüngster Zeit Veranstaltungen an Bedeutung, die auf lokale Initiativen zurückgehen. Der dem Westen entlehnte, inzwischen aber globalisierte Organisationsrahmen eines „Festivals“ wird dabei mit lokalen bzw. nationalen Repräsentationsformen gefüllt. Eingebunden in touristische Vermarktungsstrukturen wenden sich die Festivals dezidiert auch an ein westliches Publikum und tragen damit die Last der Repräsentation, indem sie beanspruchen, lokale bzw. nationale Kultur einem fremden Publikum auf eine minimale Zeitspanne verdichtet zu vermitteln.

Fragestellung

In dem Projekt werden Ansätze aus verschiedenen theoretischen Debatten in der Ethnologie und Nachbarwissenschaften zur Performanz von Identität, zu Interkulturalität, zu kulturellem Erbe, zu Transnationalismus, zu Globalisierung und zum Tourismus zusammengeführt.

Im Zentrum der Untersuchung stehen die handelnden Personen. Zu diesen Akteuren zählen in erster Linie die Organisatoren der Festivals, die auftretenden Darsteller und die Zuschauer, zu denen die lokale Bevölkerung, politische und religiöse Repräsentanten und Journalisten – und in Mali auch Touristen – gehören. Wenn wir Musikfestivals als translokalen Raum begreifen, lassen sich die beteiligten Künstler, Organisatoren und Besucher dann ebenfalls als „translokale Akteure“ qualifizieren – und wenn ja, welche Bedingungen und Erfahrungen sind damit verbunden? Welche Motivationen bewegen sie zur Teilnahme an den jeweiligen Veranstaltungen und auf wessen Initiative hin sind sie entstanden? Darüber hinaus ist zu fragen, welche Vernetzungen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zwischen den Organisatoren, Künstlern und Besuchern der Festivals existieren.

Weiterhin soll untersucht werden, wie die Form des Festivals, die Interaktion mit Touristen und Künstlern aus aller Welt bzw. die mögliche Aneignung von westlichen Konzepten und Diskursen von lokalen Personengruppen und in den Medien wie Zeitungen oder im Internet bewertet werden, z.B. als kulturell fremd angesehen werden.

Ein dritter Untersuchungsstrang behandelt die Auswirkungen des Handelns der untersuchten Akteure auf die Produktion kultureller Äußerungen und auf ihr soziales und kulturelles Umfeld. Wie verändern sich die musikalische Gestaltung und die Darstellung von Kultur durch diesen neuen Performanzrahmen? Bleiben die Veränderungen auf den Kontext des Festivals beschränkt oder wirken sie zurück auf die Alltagspraxis?

Projektleiter:

Dr. Hauke Dorsch

Studentische Mitarbeiter:

Anna-Maria Boulnois, Friederike Brinker, Maike Dietrich, Alice Duda, Caroline Heess, Vanessa Heß, Jessica Ludenia, Lisa Markus, Anna Ritzel, Stefan Schröder, Isabel Stipp

Institut für Ethnologie und Afrikastudien, Archiv für die Musik Afrikas

Laufzeit: 2011-lfd.

 

Veranstaltungshinweis:
Die Repräsentation Afrikas auf Festivals - Ergebnisse einer Lehrforschung
Dienstag, 13. November 2012, 18:15-19:45 Uhr, Hörsaal 13 (Becherweg 4, 1. Stock)